Gedenken an die Opfer der sogenannten Polenaktion 1938 in Wuppertal

28. Oktober 2018

15:00 Uhr, Mahnmal auf dem Gleis auf dem Steinbecker Bahnhof, Hoeftstraße 4, 42103 Wuppertal

Am 28. Oktober 2018 jährt sich zum 80. Mal die Deportation von 200 polnischen Juden und Jüdinnen aus Wuppertal. Wir möchten dieses Datum zum Anlass nehmen, - unseres Wissens - zum ersten Mal an diese weitgehend vergessene Deportation in einer eigenen Gedenkveranstaltung zu erinnern.
Wir sind daher sehr erfreut, dass auch der polnische Konsul Andrzej Dudziński an der Veranstaltung teilnehmen wird. Sehr erfreulich ist auch, dass der Neffe von Isy Aronowitz, Richard Aronowitz (London), via Internet, zu uns sprechen wird. (https://www.timesofisrael.com/how-his-novel-led-an-author-into-the-intriguing-world-of-wwii-art-restitution/)
 

Im Mittelpunkt der Gedenkfeier wird das Schicksal der Deportierten stehen. Wir werden einzelne Biographien vorstellen und die bisher bekannten Namen der bei der sog. Polenaktion deportierten NS-Opfer verlesen. Die Liste konnte in Zusammenarbeit mit Prof. Manfred Brusten aktualisiert werden.

Programm:

Musik: Roswita Dasch
 

Es sprechen:

Josef Neumann, MdL

Richard Aronowitz (London)

Stephan Stracke, Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal e.V.

Verlesung der Namen der Deportierten

Niederlegung von Blumen etc.
 

Veranstalter*innen: Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal e.V. in Kooperation mit Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, KV Bergisch Land und Studierendengruppe UMBRUCH

Polenaktion“

Am 28. Oktober 1938 wurden etwa 200 polnische Juden und Jüdinnen aus dem Bergischen Land verhaftet und nach Bentschen/Zbąszyń über die polnische Grenze abgeschoben. Das kleine Grenzstädtchen Zbąszyń musste über Nacht zehntausend Menschen aufnehmen. Auf Anordnung von Heinrich Himmler gab am 27. Oktober 1938 der Düsseldorfer Regierungspräsident den Polizeipräsidenten die Anweisung, alle polnischen Juden mit gültigem Pass in „Abschiebehaft“ zu nehmen und vor dem 29. Oktober über die Grenze abzuschieben. In Wuppertal vollstreckte die Schutzpolizei ein Schreiben des Wuppertaler Polizeipräsidenten: „Auf Grund des § 5 Ziff. 1 der Ausländerpolizeiverordnung (….) verbiete ich Ihnen den weiteren Aufenthalt im Reichsgebiet. Das Aufenthaltsverbot wird im Wege des Transports über die deutsche Reichsgrenze durchgeführt. (…) Sie werden darauf hingewiesen, dass Sie ohne besondere Erlaubnis nicht mehr in das Reichsgebiet zurückkehren dürfen.“

Die „Polenaktion“ war die erste große Deportation von Juden und Jüdinnen in Deutschland. Bis zu 17.000 polnische Juden und Jüdinnen wurden reichsweit mit der Reichsbahn an die Grenze deportiert. Das Schicksal der Deportierten war sehr unterschiedlich: Viele der ausgewiesenen Juden und Jüdinnen starben nach dem deutschen Überfall auf Polen in den Ghettos und Vernichtungslagern. Nach den bisherigen Recherchen starben mindestens 86 von 200 der aus Wuppertal Abgeschobenen während des Zweiten Weltkrieges.

Ein Teil der Deportierten konnte aus Bentschen/Zbąszyń zu Familienangehörigen in Polen weiterreisen und gerieten dann nach dem Überfall auf Polen in die Hände der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Andere konnten vor dem Kriegsausbruch ins Ausland flüchten oder wurden wie die etwa 100 nach Bentschen deportierten Kinder mit einem Kindertransport nach England gerettet. Andere Ausgewiesene erhielten die Erlaubnis, zur Abwicklung ihrer Geschäfte für kurze Zeit nach Deutschland zurückzukehren, um dann gemeinsam mit ihren Familien das Land zu verlassen. Wer bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 Deutschland nicht mehr verlassen konnte, geriet in die sog. zweite Polenaktion. Ab dem 12. September 1939 wurden mindestens 5.000 polnische Juden verhaftet und als „feindliche Ausländer“ in Konzentrationslager eingewiesen.

Die Vorgeschichte der „Polenaktion“

Die Vorgeschichte dieser Massenausweisung erklärt der Journalist Uwe Rada so: „Weil die polnische Regierung fürchtete, dass die österreichischen und nun auch deutschen Juden mit polnischem Pass über die Grenze nach Polen fliehen, erging der sogenannte März­erlass. Der besagte, dass allen polnischen Staatsbürgern, die fünf Jahre oder länger im Ausland lebten, die polnische Staatsangehörigkeit entzogen wird, so sie nicht bis 30. Oktober 1938 einen entsprechenden Sichtvermerk im Pass hätten. De jure galt das Gesetz für alle Polen, de facto sollten damit die polnischen Juden, die in Deutschland lebten, ausgebürgert werden. Deutschland reagierte zunächst mit einer Novellierung der Ausländerpolizeiverordnung. Die besagte, dass ein Ausländer in Deutschland seine Aufenthaltsgenehmigung automatisch verliert, wenn ihm seine Staatsangehörigkeit entzogen wird. Auch Deutschland wollte also die polnischen Juden loswerden.“

(Uwe Rada: Ausstellung erinnert an „Polenaktion“. Die vergessene Abschiebung, in TAZ vom 18. 7. 2018)

Kurz vor Ablauf der Frist begannen die Massenverhaftungen.

Die „Polenaktion“ war zudem die oft vergessene Vorgeschichte des Pogroms am 9. November 1938. Ein polnischer Jude, Herschel Grynszpan, erschossin Paris den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath, um auf das Leid seiner abgeschobenen Familie aufmerksam zu machen. Das Attentat auf vom Rath wiederum nahmen die Nationalsozialisten bekanntlich zum Vorwand für die Novemberpogrome.

Das Wunder von Zbąszyń

Die abgeschobenen Menschen wurden „mit Stöcken geschlagen und über die Grenze ins Niemandsland getrieben. „Es war kalt, es regnete, wir hatten nichts. Keine Decken keine Mäntel, gar nichts.“ Nach und nach durften die einreisen, die Familie in Polen hatten. 7.000 Menschen aber hingen im Grenzort Zbą­szyń fest, in verlassenen Kasernen und Ställen – viele bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, im August 1939." (Dinah Riese:Gefangen im Niemandsland, in: Taz vom 9.11.2015)

Der schon zitierte Journalist Uwe Rada beschreibt die weiteren Ereignisse wie folgt: „Zbąszyń, zu Deutsch Bentschen, zählte 5.000 Einwohner und war nach der Wiederentstehung des polnischen Staates nach dem 1. Weltkrieg Grenzort geworden. (…) Doch auf den Ansturm von fast 10.000 Menschen, die (...) in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938 ankamen, waren die Bewohnerinnen und Bewohner von Zbąszyń nicht vorbereitet. „Die Grenzposten waren vollkommen überrascht“, sagt [der Künstler Wojciech] Olejniczak. „Wer waren diese Menschen? Waren es vielleicht Schmuggler? Es war dunkle Nacht, alle waren überfordert. Was tun?“ Doch dann geschah etwas, was man heute das Wunder von Zbąszyń nennen könnte. In kürzester Zeit lief die Hilfe an. Aus Warschau reisten Vertreter jüdischer Hilfsorganisationen an und errichteten eine Stadt neben der Stadt. Die Menschen in Zbąszyń kochten Suppe und halfen mit Decken und Möbeln. Der Bürgermeister ließ die Preise von Betten und Strohsäcken einfrieren, um Spekulation zu vermeiden. Viele Bewohner nahmen auch Flüchtlinge bei sich auf. Später wird der Historiker Jerzy Tomaszewski in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ zu dieser polnischen Variante der Willkommenskultur sagen: „Die Einwohner von Zbąszyń haben die Ehre der Polen gerettet.“

(Uwe Rada: Ausstellung erinnert an „Polenaktion“. Die vergessene Abschiebung, in TAZ vom 18. 7. 2018)

Kurzbiographien:

Georg Isy Aronowitz, geb. am 22-22-1913 in Elberfeld, 1956 wohnh.: Melbourne/Australien. Schneider, wohnh. gewesen: E.-Elberfeld, Lothringer Str. 37, wie auch seine Schwester; er absolvierte 1928 – 1932 eine Schneiderlehre bei Walter Hasenclever, Oststr. 24, w. Elberfeld, arbeitete anschl. bei Fa. Gilberg, Herzogstraße, dann bei Fa. Dahl, Herrenbekleidung G.m.b.H., Schloßbleiche 34, liquidiert am 13.09.1938; nach einer Zeugenaussage dort 1937 entlassen und danach 1937 selbständig; betrieb zusammen mit seiner Ehefrau in W.-Elberfeld, (Weststr.) eine Schneiderei; doch Oktober 1938 bei der “Polenaktion” ins Grenzlager Bentschen deportiert und von dort nach Lodz abgeschoben; nach Einmarsch der dt. Truppen ins Ghetto Lodz transportiert, 1940 als Zwangsarbeiter nach Deutschland verbracht; kam Aug. 1943 nach Auschwitz-Birkenau, bei Evakuierung des Lagers nach Buchenwald und weiter nach Halberstadt; Mai 1945 bei Genthin/Elbe von der Roten Armee befreit, an Amerikanern übergeben und von Fallersleben aus nach Holland gebracht; war dort wieder als Schneider tätig; emigrierte April 1947 nach Australien, wo er auch in seinem Beruf arbeiten konnte; bereitete sich 1953 – 1955 auf sein Lehrerstudium vor.

Seine Schwester Miriam Aronowitz, geb. am 18-05-1907 in Lodz. Sie war Näherin und konnte ihren Beruf ab 1937 nicht mehr ausüben; Später war bei den Ri-Ri-Werken in Wuppertal-Barmen zwangsarbeitsverpflichtet. Am 11.11.1941 wurde sie nach Minsk deportiert; sie gilt als verschollen. Ihre Tochter Doris Mercer, geb. Aronowitz, geb. am 24.2.1931, besuchte vor ihrer Emigration 1939 nach England die jüdische Schule. Sie wurde im Juli 1939 mit einem Kindertransport nach England gebracht. In England besuchte sie die freie Waldorfschule “Michael Hall” und absolvierte die Ausbildung zur staatlich geprüften Nurse.

Ruth Censer, geb. am 09.11.1925, wohnte in der Rödigerstr. 68 in Barmen. Sie begann eine Ausbildung als Krankenschwester. Sie wurde aber am 28.10.1938 im Zusammenhang der “Polenaktion” deportiert. Sie wurde von einerr jüdischen Hilfsorganisation nach Grochow bei Warschau gebracht; dort ist sie verschollen und später für tot erklärt worden. Ihr Vater: Bernhard Censer, geb. am 16.10.1897 in Polen; war bis 1934 in der Firma seines Vaters, in einem Wäschevertrieb, tätig; anschl. arbeitete als Vertreter einer Umpresserei für Hüte; er floh bereits Anfang 1938 nach Polen und traf 1939 mit seiner Familie zusammen. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde mit seiner Ehefrau und seiner Tochter Ruth ins Ghetto Krakau eingewiesen; kehrte nach einem Zwangsarbeitseinsatz nicht mehr dorthin zurück; Er wurde später für tot erklärt. Seine Ehefrau, Hedwig Lydia Censer, geb. am 5.2.1903 in Elberfeld; trat vor ihrer Heirat 1921 zum Judentum über. Sie teilte die Verfolgung ihres Ehemannes; sie wurde am 28.10.1938 mit den 6 Kindern nach Polen ausgewiesen und ins Grenzlager Bentschen deportiert, nach Einmarsch der deutschen Truppen wurde die Familie ins Ghetto Krakau eingewiesen. Sie konnte 1942 mit falschen Papieren nach Berlin fliehen; sie lebte dort versteckt bei Freunden; und nach einem Besuch bei ihrer Mutter in Wuppertal flüchtete sie weiter nach Wien; dort lebte sie illegal bis zur Befreiung und ging 1948 nach London. Am 28.7.1961 starb sie in Hove, Sussex/England. Zwei weitere Kinder Helene und und Ursula Censer wurden aus Polen mit einem Kindertransport nach England gerettet.

Eva Cooper, geb. Liebermann, geb. am 19.10.1917 in Elberfeld; wohnte in Wülfingstr. 19a. Sie begann eine kaufmännische Lehre bei Fa. Leonhard Tietz bis zu deren Arisierung; sie half anschl. im Geschäft des Vaters; am 28. Oktober 1938 wurde sie nach Polen ausgewiesen; sie emigrierte nach Entlassung aus dem Grenzlager Bentschen/Zbaszyn am 19.5.1939 nach England (per Eisenbahn von Zbaszyn nach Gdingen, per Schiff weiter nach London, per Bahn nach Cheltenham); sie war von 1942-1948 als Näherin tätig; heiratete 1947 und wanderte 1954 mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter weiter in die USA.

Moritz Tyger, geb. am 27.12.1893, kam 1919 von Polen nach W.-Elberfeld; er betrieb bis Okt. 1938 eine Schneiderei als Zwischenmeisterei in der Karlstr. 28, bis zu deren erzwungener Aufgabe. Er wurde am 28.10.1038 mit seinem Sohn Wolfgang nach Polen ins Grenzlager Bentschen, deportiert; er kehrte aber nach kurzem Aufenthalt in Warschau nach Wuppertal zurück, um seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Er wurde am 12.9.1939 verhaftet und am 21.12.1939 ins KZ Sachsenhausen überführt, am 3.9.1940 ins KZ Dachau verbracht, wo er verstarb. Die Urne wurde nach Wuppertal überführt; sie wurde auf dem jüdischen Friedhof am Weinberg beigesetzt.